Georg Siemens und die Eier-legende-Wollmilchsau

George Siemens hat einen neuen MOOC auf Edx gestartet. Das Besondere an diesem MOOC ist allerdings, dass Siemens und sein Team versuchen das Konzept eines konnektivistischen cMOOCs mit einem xMOOC in einem Kurs zu vereinen. Teilnehmende sind dabei frei ihren Weg zu wählen oder auch zwischen den zwei Strängen zu springen.

In einem Artikel in seinem Blog reflektiert er nun zu den Reaktionen der Lernenden nach der ersten Woche.  Eine seiner Erkenntnisse lautet:

„Early MOOCs were easy to run because expectations hadn’t normalized. It’s different now. Learners engage with MOOCs with views of what should be happening and are comparing courses to what they’ve taken recently. The standards of quality content are higher than they were in the past.“

Da ist schon eine gewisse bittere Ironie. Der Mann, der mit seinen konnektivistischen Ideen zu den Erfindern des Begriffes MOOC gehört, muss jetzt feststellen, dass er unter diesem Namen seine Ideen nicht mehr umsetzen kann, da instruktivistisch geprägte xMOOCs die Erwartungshaltung von Lernenden an Lernen in MOOCs konditioniert haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist:

„We need to get better at on-boarding learners to engage in digital distributed spaces. My comments above reflect real experiences of learners who are finding the course format confusing. It’s not sufficient to say “well, what you really need is a world-view shift”. As designers, we have to support and guide that transition. We are not doing that well enough.“

Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ob Konnektivismus beschreibt, wie gelernt wird oder wie gelernt werden sollte.  Siemens formuliert dazu:

„The most important learning shift is not yet happening. Learning in complex knowledge environments requires navigating distributed spaces (wayfinding), acting with partial information, sensemaking, and becoming comfortable without reading everything. This shift is difficult – it’s as much a world view shift as a learning task, as much about our identity as the learning content. It’s not easy and it’s unsettling and frustrating.“

Haben wir es also wirklich mit einer kopernikanischen Wende zu tun, bei der diejenigen, die nicht verstehen – in diesem Fall das konnektivistische Lernparadigma – einfach auf der falschen Seite stehen und irgendwann durch die voranschreitende Geschichte belehrt werden?

Dynamische Wandel in Technologie und Gesellschaft stellen heute hohe Anforderungen an alle Menschen bezüglich einer geringen Unsicherheitsvermeidung (s. Hofstede). Haben wir diese dynamischen Prozesse genug in unser Verständnis von Lernen und unsere Lernkultur integriert bzw. ist dieses überhaupt erstrebenswert?

Spannend finde ich, dass die Art wie wir lernen und lehren so stark von den Antworten auf diese Fragen abhängig ist, selbst wenn wir uns nicht einmal bewusst sind, dass wir sie für uns beantwortet haben.

Ein Leben für eine ungesendete E-Mail oder: Mal wieder MOOCs an Hochschulen…

Manchmal schreibt man im ersten Reflex eine E-Mail, die man mit Pause und zweiter Lektüre dann doch nicht abschickt. So erging es mir mit einer Antwort auf einen Linktipp, der mich mit dem Hinweis „lesenswert“  auf einen Artikel in der „FAZ“ aufmerksam machte.

Der Inhalt des Artikels erschien mir mehr als schlampig recherchiert und argumentiert. Entsprechend sah meine Antwort aus. Da sowohl der Geber des Linktipps als auch der Verteilende sehr nette, anständige Menschen sind und ich nicht möchte, dass sie die Kritik auf sich persönlich beziehen, habe ich die Antwort nicht gesendet. Aber als Erwiderung auf den Artikel in der „FAZ“ taugt sie vielleicht trotzdem:

Hallo X, lieber Herr Y,

als Glosse lebt der Artikel in der „FAZ“ natürlich von der Übertreibung. Bei aller Übertreibung sollte aber journalistische Sorgfalt nicht vergessen werden – selbst wenn der Autor nur Professor für Amerikanistik und nicht Journalist ist.

Es beginnt schon mit der Bemerkung, dass mit MOOCs demnächst die dickste Sau durchs Dorf getrieben werde. Diese Sau kann aber kaum noch getrieben werden. Sie hat sich nämlich bereits totgelaufen und hängt wahrscheinlich ausgeblutet und ausgeweidet an einer Leiter im Hinterhof von Professor Schulmeister.

Ebenso falsch ist, dass es sich bei MOOCs um a) Lehrplattformen handele und diese b) erstmals 2012 von Coursera betrieben worden seien. Sie sind a) Lernformen (keine technischen Plattformen) und stammen b) aus Kanada, wo sie ihre Schöpfer (Siemens, Downes) 2008 mit einer eigenen Lerntheorie verbanden (connectivism). Das, was später unter dem Begriff MOOC populär wurde, folgt eher altertümlichen Lerntheorien und kann als – hoffentlich erfolgloser – Wiederbelebungsversuch der Vorlesung (im Wortsinne) auch als Vorlesung 2.0 bezeichnet werden.

Daher empfinde ich den Anreißertext des Artikels „Die universitäre Lehre im Internet. Eine Warnung.“ als völlig irreführend, da hier jemandem das Wort erteilt wurde, der mit wenig Differenzierung und mit Halbwissen argumentiert.

Aus meiner Sicht ist das Kernproblem für Hochschullehrende mit MOOCs der US-amerikanischen Darbietungsform nicht, dass sie die Qualität der Lehre langfristig senken werden, da Administrationen darin nur ein Einsparpotential sehen und nutzen. Das Kernproblem ist, dass diese Videoaufzeichnungen von „Stardozenten“ deutlich machen, dass im 21. Jahrhundert bei den gegebenen Bandbreiten zur Verteilung von Inhalten kein Student – und kein Finanzminister – Professoren braucht, die im zwanzigsten Jahr die gleichen Inhalte und Witze in einem Raum vortragen, in dem sich die studierende, passive Zuhörerschaft drängt.

Schreibmaschinen sind nicht vom Markt verschwunden, weil niemand mehr schreibt. Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Schreibmaschinen sind vom Markt verschwunden, weil es keinen Bedarf mehr für das angebotene Produkt gibt. Und so brauchen wir hochqualifizierte Professoren und Professorinnen nicht zur Weitergabe von Inhalten – für diesen Zweck finden sich andere Mittel – wir brauchen Sie (das große „s“ ist kein orthographischer Fehler), um Lernenden zu helfen, Sinn aus den im Überfluss verfügbaren Informationen zu schöpfen.

Die hierfür zu entwickelnden didaktischen Konzepte werden selbstverständlich auch das Internet nutzen. Denn was für die eine noch „Neuland“ ist, ist für die meisten von uns doch schon voll in der Lebensrealität angekommen. Die Frage kann also nicht sein, welche – oder gar ob – Medien zur Weitergabe von Wissen verwendet werden. Die Frage lautet: Wie organisieren wir Lernen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien am wirkungsvollsten? Die Antwort mag im Einzelfall auch „mit Kreidetafel, Schwamm und lebhafter Diskussion“ lauten. Wer aber darauf keine Antwort findet, muss allerdings fürchten, von amerikanischem Bildungsfernsehen verdrängt zu werden.

Mit freundlichen Grüßen und Dank für die Zeit, die Sie sich zum Lesen genommen haben

Arne Möller

(der sich – auf Reaktionen freuend – schon mal vorbeugend unter seinen Schreibtisch wegduckt 😉 )

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